Gegen das Vergessen

Pfarrer Uwe Seidner beim Dialogkreis der EAS
Ausgabe Nr. 2509
 

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Seit rund zwei Jahrhunderten spukt die Befürchtung eines „finis saxoniae“ herum. In Nordsiebenbürgen hat sich diese Befürchtung in vielen Gemeinden bereits erfüllt. Damit sie nicht in Vergessenheit geraten, plant Pfarrer Uwe Seidner aus Wolkendorf nun einen Bildband: Er möchte in die Dörfer fahren und mit Fotografien dokumentieren, was von dem Erbe der Sachsen dort übrig ist. Am 17. November stellte er das Projekt in einem Vortrag im Rahmen des Wissenschaftlichen Dialogkreises der Evangelischen Akademie Siebenbürgen vor.

 

Vor ein paar Jahren gab es eine Tradition in der Evangelischen Kirche in Rumänien, eine Art „Bluttaufe“ für junge Pfarrer, wie Pfarrer Uwe Seidner es nennt: Frisch fertig mit dem Theologie-Studium wurden sie erst einmal nach Nordsiebenbürgen geschickt. Dort waren die evangelischen Gemeinden bereits in den 60-er Jahren so geschrumpft, dass die jungen Pfarrer gleich mehrere Ortschaften betreuen mussten. Die Botschaft war klar: So wie in Nordsiebenbürgen wird es bald überall sein, also macht euch darauf gefasst.

Handelt es sich in Nordsiebenbürgen also tatsächlich um einen „gelebten finis saxoniae?“ Diese Frage stellte Pfarrer Uwe Seidner schon im Titel seines Vortrages. Doch es handelte sich absichtlich um eine Frage und nicht um eine Feststellung.

Das Aussterben der Siebenbürger Sachsen ist schließlich keine neue Befürchtung, wie Seidner betont. Der Begriff kam vor über 200 Jahren auf, zuerst zur Zeit der Josephinischen Reformen, als Siebenbürgen Teil des Habsburger Reiches wurde. Damals verloren die Sachsen einige Rechte und fürchteten deshalb um ihren Status. Als 1940 im Wiener Schiedsspruch Nordsiebenbürgen von Ungarn annektiert wurde, kam die Angst vor einem „finis saxoniae“ ein weiteres Mal auf, und noch zwei weitere Male schließlich 1944 mit dem Einmarsch der Roten Armee und in den 60-er Jahren, als Helmut Schmidt und Nicolae Ceaușescu die sogenannte „Familienzusammenführung“ vereinbarten.

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Doch auch wenn die Befürchtung eines „finis saxoniae“ nicht erst mit der Auswanderung aufkam ‒ leugnen lässt sich nicht, dass seit der Wende das sächsische Gemeindeleben in Nordsiebenbürgen fast ausgestorben ist. Pfarrer Seidner erzählt von den Dörfern um Bistritz/Bistrița-Năsăud im Nösnerland. Die Landeskirche musste hier viele Gebäude an die orthodoxe Kirche, die Freikirchen und die Reformierte Kirche verkaufen. Im Besitz der Landeskirche sind hier noch sechs Kirchen: in Mönchsdorf, Tekendorf, Passbusch, Moritzdorf, Kyrieleis und Jaad.

Das Erbe der sächsischen Gemeinden wird in den restlichen Dörfern von den anderen Bevölkerungsgruppen getragen. Pfarrer Uwe Seidner brachte das auf die Idee, zu dokumentieren, was von diesem Erbe noch übrig ist. In einem Fotoband möchte er zeigen, was früher war und was heute vorzufinden ist. Dafür hat er sich mit einem guten Freund zusammengetan, dem Fotografen Christian Drăghici. Es wäre der erste Bildband dieser Art über Nordsiebenbürgen.

Einige Gemeinden haben die beiden schon besucht, beim Vortrag konnten sie zahlreiche Fotografien zeigen. Mit dem Dokumentationsband wollen sie dafür sorgen, dass die Erinnerung an die Sachsen in Nordsiebenbürgen nicht verloren geht ‒ auch wenn viele ihrer Kirchen nun innen mit blauen orthodoxen Bildern bemalt sind und die evangelischen Gemeinden höchstens zwölf Gottesdienste im Jahr feiern.

Bernadette MITTERMEIER

 

Foto 1: Das zur Gemeinde Lechnitz/Lechința gehörende Dorf Kyrieleis/Chiraleș/Kerlés (in sächsischer Mundart: Kirjeläiss) ist eine der ältesten Siedlungen in Nordsiebenbürgen. Unser Bild: Die evangelische Kirche wurde in den Jahren 1907-1909 gebaut.

Foto: Christian DRĂGHICI

Foto 2: Pfarrer Uwe Seidner.                                          

Foto: Manuel STÜBECKE

 

 

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