„Ein Jahr ist ein gutes Maß“

Ausgabe Nr. 2468
 

Interview mit Jürg Leutert und Brita Falch Leutert

 

 

Letzten Januar kam das Musiker-Ehepaar Brita Falch Leutert (BFL) und Jürg Leutert (JL) aus dem Norden Norwegens nach Hermannstadt, um hier ihre Stellen als Kantorin der evangelischen Kirchengemeinde A. B. , bzw. Musikwart der Evangelischen Kirche A. B. in Rumänien und Leiter des Hermannstädter Bachchors anzutreten. Seitdem ist ein ereignisreiches Jahr mit vielen Konzerten und einigen Neuerungen in der Hermannstädter Kirchenmusik vergangen. Im Gespräch mit dem HZ-Praktikanten Jeremias L e i m c k e gewähren die Kirchenmusiker einen guten Einblick in ihre Arbeit.

 

Sie erwähnten einst, dass Sie durch den Orgelbau den ersten Kontakt nach Rumänien fanden. Können Sie kurz erläutern, wie diese Beziehung zustande kam?

JL: 1994/95 gab es ein Hilfsprojekt aus der Schweiz in der Nähe von Neumarkt am Mieresch. Dabei sollte es vor allem um kulturelle Unterstützung gehen. Ferdinand Stemmer ist damals mitgekommen, hat sich dort die Orgel angeschaut und hat mich gefragt, ob ich mithelfen könnte. So bin ich das erste Mal nach Siebenbürgen gekommen. In Chendu haben wir dann die Orgel geflickt und sind in der Freizeit noch ein bisschen rumgefahren und haben uns andere Teile Siebenbürgens angeschaut. So entwickelten sich die ersten Kontakte nach Kronstadt und Hermannstadt.

Nachdem wir 1997 nach Norwegen gezogen waren, waren diese Beziehungen nur noch sporadisch, doch der Kontakt zu Ferdinand Stemmer blieb bestehen, der dann die  Orgelbauschule in Honigberg gründete. Dadurch sind wir immer wieder hierhergekommen und sind 2010 mit dem Jugendchor und dem Streichorchester aus Norwegen hier auf einer einwöchigen Reise gewesen.

Im letzten Jahr meinten Sie in einem Interview mit der Siebenbürgischen Zeitung, dass Sie noch genauer entdecken müssen, was sich hinter ihren Stellen verbirgt. Konnte Ihnen das letzte Jahr über diese Frage Aufschluss geben?

BFL: Als wir hier vor einem Jahr ankamen, war es eben auch Winter, die Kirche war kalt, es gab viel weniger Aktivität, als es später im Sommer möglich ist. Aber natürlich hat sich im letzten Jahr noch einiges entpuppt. Es gab wöchentliche Konzerte von Mai bis Ende September. Dann gibt es natürlich viel zu organisieren und zu publizieren. In diesem Winter veranstalten wir nun auch monatliche Konzerte, wie zum Beispiel jetzt am Freitag. Weiterhin haben wir den Kinderchor aus der früheren Zeit zu einer Singschule erweitert, wo wir die Kinder mit Stimmbildung und allgemeiner Musikbildung fördern. Das ist erst letzten Herbst so richtig losgegangen. Was unsere Vorgängerin Ursula Philippi schon begonnen hat, möchten wir mit dem Schwerpunkt Chorsingen für Kinder und Jugendliche weiterführen. Im Herbst wurde dann auch der Jugendchor ins Leben gerufen, in dem mittlerweile 25 Jugendliche mitsingen, wobei wir natürlich hoffen, dass sie später auch in den Bachchor kommen.

JL: Oder zumindest generell weitersingen, egal in welchem Chor.

Aber zurück zur Frage: Nach einigen Jahren hat man ja mal all die Dinge gemacht, die jedes Jahr wieder kommen. Und von daher hat man nach einem Jahr natürlich die Orientierung etwas gefunden; man weiß, was man zu tun hat, bzw. kann sich überlegen, ob man es so weitermachen möchte, oder etwas ändert. So gesehen ist ein Jahr natürlich auch ein gutes Maß, um diesen Zyklus mal durchzuspielen.

Gibt es auch Konzerte mit dem Jugendchor?

BFL: Wir haben ja letztes Jahr schon  mit dem Jugendchor ein Weihnachtkonzert veranstaltet und jetzt hat er vor kurzem auch im Gottesdienst gesungen. Gerade sind wir dabei, eine rhythmische Kantate über die Arche Noah einzuüben, die wir dann im nächsten Frühling aufführen werden.

Was macht konkret die Arbeit eines Musikwarts aus?

JL: Alles andere. Man ist verantwortlich für vieles, ohne wirklich verantwortlich zu sein. Es gibt die Landeskirche als Dachorganisation, aber es gibt auch die Gemeinden und Bezirke, die ringsherum sind. Im Prinzip bin ich zwar verantwortlich für die Instrumente in den Gemeinden, aber eigentlich sind die Gemeinden selbst verantwortlich dafür. Also ich kann nicht dahin gehen und sagen, dass etwas getan werden muss, sondern ich kann gefragt werden und ich kann meine Meinung äußern. Wir haben zum Beispiel einen Orgelausschuss, aber niemand ist gezwungen, sich nach unseren Vorstellungen und Ratschlägen zu verhalten. Aber nicht nur das ist meine Aufgabe. Ich habe hier auch ein Musikarchiv mit Noten aus den Gemeinden, die es nicht mehr gibt, die hatte mein Vorgänger schon sehr gut systematisiert und da sind so viele Handschriften dabei, die man abschreiben muss, bevor man sie gebrauchen kann. Das zeichnet meine Arbeit aus. Dann wollen wir aber auch ein Kinderchortreffen über die ganze Landeskirche organisieren, was es auch schon länger nicht mehr gab, das Erwachsenenchortreffen werden wir beibehalten, werden aber auch neue Sachen dort ausprobieren. Solche Dinge sind dann eben auch meine Aufgaben.

Musikwart bedeutet aber nicht, dass man gleichzeitig auch Chorleiter ist. Sind das zwei verschiedene Aufgaben?

JL: Zufällig gehört das auch mit zu dieser Stelle. Die Landeskirche hat dem letzten Chorleiter diese Stelle noch zusätzlich gegeben. Ich bin also sozusagen angestellt bei der Landeskirche, arbeite als Chorleiter aber eher lokal. Aber ich organisiere eben noch diese Treffen auf regionaler Ebene und dadurch wird es dann auch so doppelschichtig. Gleichzeitig können wir uns aber auch gegenseitig in unseren Stellen ergänzen. Wenn Brita etwas besser kann als ich, darf sie auch meine Aufgaben übernehmen, oder umgekehrt.

Sie leiten in Hermannstadt die Singschule, den Kinderchor und den Jugendchor. Wie sieht es zurzeit mit Nachwuchsmusikern für den Bachchor aus?

BFL: Die Singschule hat momentan 70 Kinder und ich denke, da gibt es schon eine Möglichkeit. Ich glaube nicht, dass der Bachchor demnächst aussterben wird.

JL: Nein, aber es ist natürlich so, wenn ein Jugendlicher erwachsen wird, dann bleibt er nicht selbstverständlich im Ort, wo er aufgewachsen ist. Also es gibt nun mal eine Fluktuation. Und da ist es klar, dass man Nachwuchs nicht nur für sich selbst produziert, sondern generell. Es kommen ja auch viele Leute aus Deutschland und singen nun bei uns mit im Chor. Sie sind es von zuhause gewöhnt, im Chor zu singen. So gehen dann vielleicht auch Jugendliche von uns später ins Ausland, um dort im Chor zu singen.

BFL: Es ist also eher als Austausch zu verstehen. Wir liefern einfach Chorsänger. Egal, wohin.

Wie würden Sie die Lage der Organisten in Siebenbürgen einschätzen? Herrscht eher ein Mangel an Orgelspielern oder ein Mangel an spielbaren Instrumenten?

JL: Es bedingt sich natürlich ein bisschen. Aber ich denke, es gibt zu wenige Organisten oder generell Leute, die Orgel spielen können. Und das auf allen Niveaus. Es müssen nicht nur hoch ausgebildete Musiker sein, sondern Leute, die einfach aus Freude an der Musik spielen, sich am Sonntag an die Orgel setzen oder auch die Orgel zeigen können, wenn ein Tourist vorbei kommt. Denn wenn es niemanden gibt, der das Instrument spielen kann, desto schlechter ist dann natürlich auch die Motivation, die Orgel zu erhalten.

BFL: Das ist ja eben das Problem. Wenn man niemanden hat, der Orgel spielt, dann geht das Instrument umso schneller kaputt. Die Orgelerhaltung ist eine Arbeit, die man dabei parallel machen muss.

JL: Wir sind auf Landesebene einfach zu wenige, um all die Orgeln zu bedienen. Wir brauchen prinzipiell mehr Leute, die ehrenamtlich oder angestellt auf einem guten Laienniveau Orgel spielen können.

Brachte das Kantorentreffen im Januar d. J. Ideen, wie die Ausbildung von Organisten am besten gefördert werden kann?

JL: Wir haben diesmal wieder ein paar Laien mehr eingeladen, haben versucht, diese in den Kreis der fest angestellten Kantoren mit einzubeziehen. Tatsächlich haben wir damit auch drei Menschen erreicht. Das war das eine, und jetzt versuchen wir auch wieder Kurse auf zwei Niveaus anzubieten: Zuerst sollen die Anfänger überhaupt dazu motiviert werden, das Orgelspiel auszuprobieren und im zweiten Level sollen eben die Leute, die schon etwas spielen können, lernen, wie sie es noch interessanter gestalten können um sich auch selbst weiter zu motivieren.

Wie können diese Kurse finanziert werden?

JL: Die Leute bezahlen erstmal einen Eigenbeitrag und dann versuchen wir eben noch ein bisschen von anderen Quellen zu finanzieren. Meistens ist es etwas teurer, denn für drei Tage müssen natürlich auch die Reise- und Unterkunftskosten getragen werden. Dann braucht man natürlich auch was zu essen und ein Instrument zum üben. Wenn das die Teilnehmer alles selbst bezahlen müssten, wäre es wahrscheinlich so teuer, dass die Motivation dabei drastisch sinkt. Aber letztes Jahr mussten sie nur 300 Lei für 3 Tage bezahlen – alles inbegriffen. Dann ist nur noch die Reise selbst zu finanzieren.

Alle Leute, die interessiert sind, können ja auch in ihrer Gemeinde nachfragen, ob sie Unterstützung bekommen. Schließlich lernen sie etwas, wovon die Gemeinde später auch profitieren kann.

In Norwegen war Ihre Kantorenarbeit durch innovative Ideen geprägt, alte Musik in neuer Form aufzuführen. So unterlegten Sie beispielsweise barocke Passionen mit altnorwegischem Text. Haben Sie schon ähnliche Projekte für Hermannstadt geplant?

JL: Das Problem, die originalen Texte der barocken Musik aus Deutschland zu verstehen, gibt es hier ja hier nicht. Man könnte sie höchstens auf Rumänisch übersetzen, aber das will man in der evangelischen Gemeinde nicht unbedingt. Hier ist man doch sehr stolz auf die deutsche Sprache.

BFL: Allerdings haben wir zur Weihnachtszeit auch einige nordische Stücke auf Deutsch übersetzt und aufgeführt. Das werden wir sicher auch wieder machen. Wenn uns etwas Anderssprachiges gefällt, dann spielen wir das mit deutschen Texten.

Inwieweit wollen Sie dieses Jahr in ihren Konzerten auch auf die traditionelle Siebenbürgische Musik eingehen?

JL: Dieses Jahr habe ich eine Lukaspassion umgearbeitet. Ich habe sozusagen einen Remix aus verschiedenen Lukaspassionen Telemanns gestaltet. Dieser wird dieses Jahr am Karfreitag aufgeführt werden. Nächstes Jahr werden wir uns wegen des Reformationsjubiläums wahrscheinlich auf siebenbürgische Musik konzentrieren, die auch einen konkreten Bezug zur Reformation hat. Aber es gibt da noch keine konkreten Pläne. Man muss ja immer sehen, ob die geplanten Stücke auch auf die Situation passen. Wir sollten nicht versuchen, irgendeine Komposition, die wir gerade gut finden auf Biegen und Brechen für das nächste Jahr einzustudieren. Hier muss man zugleich sensibel und flexibel sein; man muss sehen, welche Situationen sich ergeben. Vielleicht passen manche Stücke dann auch besser in zwei oder drei Jahren.

Wie unterscheidet sich die, für dieses Jahr geplante Telemannpassion von den bekannteren Bachpassionen in musikalischer und thematischer Hinsicht?

BFL: Also erstens hat Bach keine uns bekannte Lukaspassion geschrieben und da dieses Jahr aber der Lukastext gelesen wird, passt die Telemannpassion thematisch diesmal einfach besser. Und dann sind die Arien bei Telemann in der Regel ein Stück kürzer und die Tonsprache ist leichter und transparenter als bei Bach. Technisch ist diese Passion damit leichter zu singen als eine Bachpassion.

JL: Wobei es die Kürze natürlich auch wiederum schwieriger macht, sich erst hineinzufinden. Wenn du weißt, dass du für eine Antwort nur eine halbe Minute Zeit hast, dann musst du dich mehr zusammenreißen, als wenn du solange reden kannst, bis du deine Worte gefunden hast. Und Telemann hat ja auch unglaublich viele Passionen geschrieben. Zeit seines Lebens hat er jedes Jahr eine Passion verfasst, davon allein fünf Lukaspassionen; und vielleicht hat er davon dann noch einige wiederholt. Er hat aber auch eine entsprechende Anzahl an Markus-, Matthäus- und Johannispassionen geschrieben. Da kommt man dann leicht auf eine Anzahl zwischen vierzig und fünfzig, während wir von Bach nur zwei Passionen kennen. Vielleicht hat er noch eine Lukaspassion geschrieben, die kennen wir aber nicht. Und dann wissen wir noch von einer Markuspassion, die wir aber nicht haben. Er hat aber nicht drei oder vier Stück von jeder geschrieben. Er hat Passionen aufgeführt, hat aber auch andere Musik abgeschrieben und anderes aufgeführt, aber Telemann in Hamburg, oder auch der Sohn Carl Philipp Emanuel Bach haben jedes Jahr neben aller anderen Kirchenmusik noch eine Passion geschrieben. Das ergibt natürlich einen ganz anderen Aspekt des Komponierens. Dadurch wird die Musik natürlich etwas einfacher, aber das ist nicht abwertend gemeint.

BFL: Das heißt ja nicht, dass es schlechtere Musik ist. Man kann ja Genialität auch durch Einfachheit ausdrücken.

Inwieweit haben Sie diese Passion selbst bearbeitet?

JL: In einer Passion hat man ja unterschiedliche Teile: die Erzählung, die Chöre, die Arien und die Choräle. Ich habe einfach die Erzählung aus der einen Version genommen, habe dann die Choräle, die hier in Siebenbürgen gesungen werden aus anderen Versionen Telemanns herausgesucht. Ich habe aber keine einzelnen Stücke auseinandergerissen. Ich habe sie vielmehr so zusammengefügt, dass es eine gute Linie ergibt.

BFL: Das haben Telemann und andere Komponisten zum Teil auch selbst gemacht. Das ist keine Erfindung von uns. Es ist also eher ein üblicher barocker Remix.

Ihr Talent, selbst zu komponieren, haben sie im letzten Jahr vor allem in der Singgruppe und im Kinderchor eingebracht. Wollen sie in diesem Jahr ihre Eigenkompositionen nicht auch mal im „großen Stil“ dem Publikum präsentieren?

BFL: Ich würde es lieber nicht so an die große Glocke hängen. Ich arrangiere und bearbeite viel. Ich nehme einfach gern ein Fragment aus einer schon bestehenden Melodie oder einem Choral und mache etwas ringsherum, aber ich komponiere keine großen Sinfonien. Oft führe ich auch kleinere Kompositionen während des Gottesdienstes auf, aber das wissen die Leute dann natürlich nicht. Wenn es sich ergibt, würde ich aber auch mal ein Konzert nur mit eigenen Stücken geben. Dazu müsste sich aber erst noch eine Gelegenheit finden.

Die Hermannstädter Stadtpfarrkirche besitzt mit der über hundertjährigen Sauerorgel ein vielgeschätztes Instrument. Wie würden Sie die Besonderheit dieser Orgel beschreiben?

BFL: Die Bedeutung macht sich gerade in diesem Jahr bemerkbar, welches das hundertste Todesjahr Max Regers ist. Diese Orgel eignet sich perfekt für die Musik Regers. Sie ist entsprechend gestimmt, unverändert und genauso, wie zu Regers Zeit. Viele Leute aus aller Welt klopften daher in der letzten Zeit bei uns an, um zu fragen, ob sie auch dieses Instrument einmal spielen könnten. Darunter waren auch einige sehr namhafte Organisten aus Deutschland und Kanada. Über dreißig Konzerte werden dieses Jahr hier stattfinden. Hermannstadt ist also auch auf diesem Gebiet ein ganz bedeutender Ort.

Vielen Dank für das Gespräch.

 

Brita Falch Leutert und Jürg Falch Leutert an der mechanischen Orgel aus Hadad in der Johanniskirche in Hermannstadt. Letzten Freitagabend leiteten sie die Orgelvesper mit zwei vierhändigen Stücken von Daniel Gottlob Türk und Johann Sebastian Bach ein. Es folgten romantische Kompositionen an der pneumatischen Sauerorgel, thematisch abgestimmt mit den Textlesungen über die Sturmstillung Jesu (Beatrice Ungar und Charlotte Schaufel) und einer Liedmeditation (Charlotte Schaufel).

Foto: Fred NUSS

 

 

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