„Ansprechbar sein, Leute miteinander vernetzen“

Ausgabe Nr. 2458
 

Ein Gespräch mit der Deutschen Konsulin Judith Urban in Hermannstadt

Frau Judith Urban ist seit Januar 2014 Leiterin des Konsulats der Bundesrepublik Deutschland in Hermannstadt. Sie betreut die Abteilungen Wirtschafts-, Konsular-, Kultur- und Pressereferat und ist für neun Kreise in Rumänien zuständig.

Mit Frau Urban sprachen die Lehrer Györgyi Sántha und Eva Lipták (Ungarn), Ortrun Mahl und Alexandra Mândraş (Kronstadt), Monica Man (Hermannstadt), Monika Matei (Deva), koordiniert von Tita Mihaiu (Hermannstadt).

 Wie wird man Konsul?

Wir alle durchlaufen mehr oder weniger dieselbe Berufsprägung und Ausbildung. Ich bin Berufsdiplomatin und hier in Hermannstadt gibt es eine berufskonsularische Vertretung, die beiden anderen Vertretungen in Rumänien sind die Botschaft in Bukarest und das Konsulat in Temeswar.

Man absolviert ein Studium oder ein Fachhochschulstudium, geht zum Auswärtigen Amt und macht dort – je nachdem, welchen Vorabschluss man mitbringt – eine ein- bis dreijährige Zusatzausbildung. Danach geht es hinaus in die Welt.

Wann und aus welchen Gründen bekommt man als Konsul eine neue Stelle zugewiesen?

Man muss als Berufsdiplomat damit rechnen, dass man alle drei bis fünf Jahre an einen neuen Posten versetzt wird. Man kann sich vorstellen, dass es Posten gibt, wo man versucht, etwas länger zu bleiben und es gibt auch Orte, wo man sagt, aus Fürsorgegründen sollte man dort nicht länger als drei Jahre verweilen. Fürsorgegründe können sich auf die medizinische Verpflegung oder auf extrem schwierige Lebensumstände beziehen, ich nenne als Beispiele Kabul oder Bagdad.

Versetzungen werden im Sommer vorgenommen. Im Jahr davor gibt es bereits eine Liste mit den im nächsten Jahr zur Besetzung kommenden Posten. Man sollte sich auf 10-15 Stellen bewerben und die „Wunschliste“ im August abgeben. Dann heißt es warten bis Herbst, es kommt Weihnachten und die ersten Verwandten fragen, welche Reiseführer sie einem schenken sollten. Die Kinder wollen wissen, wie es mit der Schule weiter geht. Die Antwort darauf ist oft: „Ich weiß es noch nicht.“ Langsam wird man so richtig unruhig. Zu Beginn des neuen Jahres steigt die Spannung weiter an, aber der Frühling bringt dann auch den Versetzungserlass und man weiß, wo es in vier bis fünf Monaten hingeht.

Der Umzug ist immer eine sehr große Umstellung, wie Sie alleine schon an meinen Stationen sehen: Kuala Lumpur, Tokyo, Budapest, New York, Bukarest, Amman, Hermannstadt. Besonders schwierig ist es für Kinder, aber auch für die Ehepartner, die in der heutigen Zeit meistens auch berufstätig sind.

Was hat Sie dazu bewogen, sich wieder für Rumänien zu entscheiden?

Allein daran, dass wir von 2002-2007 – also ganze fünf Jahre! – in Bukarest gewesen sind, können Sie erkennen, dass ich mich auf dem Posten sehr, sehr wohl gefühlt habe. Das war aber nicht allein der Grund, warum es wieder Rumänien wurde. Ich bin da ganz ehrlich. Man hat, als meine Versetzung anstand, jemanden für Hermannstadt gesucht. Wir brauchten als Familie aber nur einen Abend für die Entscheidung, die uns also gar nicht schwer fiel – es war für uns fast ein „nach Hause kommen“.

Wie sieht bei Ihnen ein normaler Arbeitstag aus?

Wir sind eine ganz normale Behörde – das muss ich auch immer wieder betonen! Wir sind eben Beamte, die im Ausland arbeiten.

Für meine Kollegen und mich beginnt der Arbeitstag um 7.45 Uhr. Zweimal in der Woche analysiere ich mit einigen ausgesuchten Kollegen die anstehenden Fragen und Aufgaben und einmal in der Woche halten wir als ganzes Team eine Besprechung ab, von der Reinemachefrau bis hin zum Gärtner, damit alle informiert sind, was wir planen und was hier läuft.

Als Diplomat schreibt man Berichte. Es heißt so schön: Ein Diplomat redet nicht, ein Diplomat hört zu und schreibt. Ganz so ist es nicht mehr. Nehmen wir zum Beispiel diese Veranstaltung, den Siebenbürgischen Lehrertag: Sie bedeutet für mich nicht nur, dass ich heute Vormittag und morgen bei den Schlussfolgerungen dabei bin, sondern ich überlege mir, was aus dieser Veranstaltung das Auswärtige Amt interessieren könnte, was weiter gegeben werden muss. Ein wichtiger Punkt ist zum Beispiel, dass jeder Redner im Grußwort erwähnt hat, dass der Zuschuss, den der deutsche Staat jetzt zahlt, von allen Lehrern sehr positiv aufgenommen wurde, dass viele Lehrer sehr dankbar sind für die Anerkennung, die ihnen dadurch widerfährt.

Eine ganz wichtige Aufgabe ist natürlich auch, dass ich Besuchergruppen, meist Politiker, empfange und ihnen ein bisschen helfe, das Land zu verstehen und den richtigen Blick für Probleme und Herausforderungen, aber auch für Chancen zu finden. Dies gilt auch für die Wirtschaft. Unsere Aufgabe ist: Ansprechbar sein, Leute miteinander vernetzen.

Sie sind tatsächlich überall präsent. Bleibt dabei auch noch Zeit für Privatleben?

Ja, natürlich, auch ich habe ein Privatleben. Ich würde mich aber freuen, wenn ich etwas mehr Zeit dafür hätte. Ich würde gern im Kirchenchor mitsingen, mehr Sport treiben oder wieder Klavierunterricht nehmen. Dafür mangelt es an Zeit – aber das kennen wahrscheinlich alle berufstätigen Mütter. Dafür bekomme ich aber viele Einladungen zu Veranstaltungen, die mich dienstlich wie auch privat interessieren und die ich annehme, wenn es irgendwie geht. Auch das Treffen mit Ihnen – an einem Samstagnachmittag hier in den Räumen des Konsulats – ist ein schöner Teil meiner Arbeit.

Welches ist Ihr Eindruck von Land und Leuten, so wie Sie das an Ort und Stelle wahrnehmen können?

Ich habe den Eindruck, und das gilt für die Medien beider Länder, dass jeweils das andere Land häufig verzerrt dargestellt wird und man sich in Deutschland in der Berichterstattung häufig auf Problemfelder konzentriert. In Rumänien habe ich das Gefühl, dass Deutschland oft zu positiv präsentiert wird, als das Land in dem Milch und Honig fließen. Ich glaube, man muss sehen, dass Rumänien ein sehr heterogenes Land ist. Dass es einen Unterschied macht, wo man in diesem großen Land ist und lebt. Eines gilt aber aus meiner Erfahrung für ganz Rumänien: Als Ausländer wird man immer mit großer Herzlichkeit empfangen. Ich habe nie etwas anderes erlebt als Offenheit und Gastfreundschaft. Das finde ich natürlich auch sehr, sehr schön.

Zu den vielen Kulturen, die Sie kennen lernen konnten, gehören auch verschiedene Schulsysteme. Welche Meinung haben Sie sich über unseres gemacht?

In den meisten Ländern, die ich kenne, existieren – anders als in Rumänien – zwei oder mehrere Schulsysteme nebeneinander, meist ein staatliches und ein privates. Was ich immer wieder über die deutschen Schulen in Rumänien höre, ist, dass Eltern, die nach einem Rumänienaufenthalt nach Deutschland zurückkehren und ihre Kinder dort einschulen müssen, feststellen, dass diese nun zu den Besten in den Klassen gehören! Ich glaube, das ist für Sie alle ein großes Lob und für mich ein sehr, sehr gutes Zeichen. Das System ist seit Jahrhunderten bewährt, nicht nur auf bloße Wissensvermittlung, sondern auch auf Bildung wird Wert gelegt.

Mein Wunsch wäre, dass die jungen Lehrkräfte mehr Anerkennung finden. Die Bundesrepublik Deutschland versucht, einen der größten Nachteile und zwar die Bezahlung der Lehrer, etwas auszugleichen, soweit das möglich ist. Da würde ich mir natürlich wünschen, dass Sie das bekommen, was Ihnen eigentlich zustehen sollte, nämlich viel mehr Geld, um hier eine Familie gründen und angemessen leben zu können.

Bildung wird tatsächlich groß geschrieben an rumänischen Schulen. Bleibt dabei aber nicht das Praktische auf der Strecke? Das Duale System ist in Deutschland gang und gäbe, in Rumänien noch ein absolutes Novum. Welches ist die Aufgabe des Konsulats bei der Implementierung dieses Ausbildungsmodells in Rumänien?

In Deutschland sind wir von der Qualität des dualen Ausbildungssystems überzeugt. Ihnen fallen sicher auch manche Schüler ein, bei denen Sie sagen, sie seien eher für eine praxisnahe Ausbildung geeignet, auf die sie später aufbauen können, als unbedingt sofort an die Universität zu gehen. Das haben wir in Deutschland vor einigen Jahrzehnten erkannt und in der Bevölkerung hat es sich herumgesprochen, dass der alte deutsche Satz „Handwerk hat goldenen Boden“ noch heute seine Berechtigung hat. Ein gut ausgebildeter Facharbeiter gehört zu den besser Verdienenden. Die deutsche Botschaft hat sich mit den deutschen Wirtschaftsclubs sehr eingebracht, dieses duale System hier zu implementieren. Dies musste natürlich auch und in erster Linie mit dem  rumänischen Unterrichtsministerium besprochen werden, aber wir unterstützen natürlich, wo wir können. In Kronstadt  hat die deutsche Wirtschaft eine eigenständige Berufsschule ins Leben gerufen, die inzwischen sehr gut angenommen wird. In Alba Iulia, Hermannstadt und Temeswar, gibt es drei Berufsschulen, wo das duale Ausbildungssystem praktiziert wird und zwar sehr erfolgreich.

Zuschuss für Lehrer an Schulen mit deutscher Unterrichtssprache, erste Schritte in der Implementierung des Dualen Schulsystems – gibt es noch mehr Erfolge, auf die Sie zurückschauen können?

Durch die Arbeit hier fühle ich mich unglaublich privilegiert. Für mich ist es immer schön, wenn etwas gut läuft. Ich möchte mich jetzt nur auf das Geschehen der letzten Tage beziehen: Die Eröffnung eines deutschen Wirtschaftsunternehmens mit 100 Arbeitsplätzen, dann die Reise mit einem deutschen Abgeordneten durchs Land, der sich für das hiesige deutschsprachige Schulwesen interessiert hat. Für ihn wurde nochmals deutlich, wie wichtig die Förderung der deutschen Minderheit ist. Als eine  Gruppe Tourismusunternehmer auf Tour im Land war, konnten sie die schönsten Seiten von Siebenbürgen sehen. Da stehe ich für Fragen und als Ansprechpartner zur Verfügung und viele sind nun überzeugt, dass es sich lohnt, das Land als Reiseziel zu wählen, was nach dem Besuch nicht sehr schwer war.

Deutschland ist da, Deutschland ist präsent – ich hoffe, durch mein Engagement das zeigen zu können!

Wir danken für das Gespräch!

 

 

Konsulin Judith Urban (1. Reihe, 2. v. r.) auf den Stufen des Konsulatsgebäudes mit den Lehrern Eva Lipták, Ortrun Mahl, und Monika Matei (1. Reihe, v. l. n. r.), Monica Man, Alexandra Mândraş, Györgyi Sántha und Tita Mihaiu (2. Reihe, v. l. n. r.).                                              

Foto: Privat

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