„#colectiv: Die Korruption tötet”

Ausgabe Nr. 2455
 

Proteste und Demissionen nach drei Tagen Staatstrauer für Brandopfer

 

Premierminister Victor Ponta hat am Mittwoch sein Amt niedergelegt, nachdem am Dienstag Abend mehr als 25.000 Personen in Bukarest sowohl seine, als auch die Demission des Innenministers Gabriel Oprea und des Bürgermeisters des 4. Sektors in Bukarest Gabriel Piedone Popescu gefordert hatten, der ebenfalls am Mittwoch zurückgetreten ist. Die Proteste richten sich allerdings gegen die gesamte politische Klasse und teils auch gegen die orthodoxe Kirche, nachdem 32 Personen bei einem Brand in dem Bukarester Klub Colectiv ums Leben gekommen sind. Die Korruption tötet!" war der Hauptslogan der Proteste.

   Zwar wurde den ersten Forderungen der Protestierenden  am Mittwoch stattgegeben, allerdings hat das nicht gereicht, denn am Mittwoch Abend haben nicht nur in Bukarest weitere Proteste stattgefunden, sondern auch im ganzen Land, u. a. auch in Hermannstadt. Die Presse rechnet mit insgesamt 70.000 Menschen, die auf die Straße  gegangen sind.

Hauptsächlich junge Leute haben sich auf sozialen Netzwerken organsiert, um gemeinsam auf die Straßen zu gehen, und die Proteste sollen auch weiterhin stattfinden.

Im Mittelpunkt ihrer Proteste steht die ganze politische Klasse, die als Hauptgrund der allgemeinen Korruption in Rumänien gesehen wird. Unter anderem fordern die Menschen die Auflösung des Parlaments, oder zumindest die versprochene Reduzierung auf 300 Parlamentarier von über 500, wie viele es zurzeit sind.

Diesmal wollen die Protestierenden keinen üblichen Machtwechsel zwischen den Parteien, denn Sprüche wie „PNL, dich wollen wir auch nicht!” und  „Alle Parteien, der gleiche Mist!" waren keine Seltenheit. Ein  weiterer Protest galt dem Patriarch Daniel und der orthodoxen Kirche. Auch da ist der Konflikt eskaliert, nachdem eine Journalistin in einem offenen Brief gefragt hat, warum sich keine Priester an der Unglücksstelle blicken ließen, auf den die Antwort der Patriarchie prompt kam: Einerseits habe man nicht auf der Straße zu beten, sondern nur in den Kirchen, so die offizielle Antwort, andererseits seien die Priester nicht eingeladen worden, und auch die Jugendlichen allgemein hätten nicht im Klub sondern in  der Kirche sein sollen. Außerdem haben mehrere Vertreter der Kirche erklärt, dass Rockmusik – zur Zeit der Tragöde stellte die Heavy-Metal-Band „Goodbye to Gravity” ihr neuestes Album vor – Satans Musik sei. Die Musik hat allerdings Priester anderer Konfessionen nicht davon abgehalten, diskret an die Unfallsstelle zu kommen und für die Toten, Verletzten und deren Familien zu beten.

Tatsächlich liegen noch über 130 Verletzte in den Krankenhäusern in Bukarest, mehr als die Hälfte befinden sich weiterhin in einem kritischen Zustand. Die Anzahl der Toten lag gestern bei 32 Menschen. Den rumänischen Ärzten kamen Brandspezialisten aus Israel und aus Frankreich zur Hilfe, und auch die Bevölkerung hat versucht, das System zu unterstützen. Zum einen wurden Geld und Medikamente gespendet, zum anderen haben sich viele bei den Blutzentren gemeldet. Hier versucht man seit einigen Tagen, die Spender auf Wartelisten zu stellen, denn einerseits gibt es zur Zeit genügend Blutreserven, andererseits beginnen für die Verletzten erst in den nächsten Wochen die Operationen, so dass man die Blut- und Hautspenden erst später brauchen wird.

Inwischen wurden die drei Inhaber des Klubs Colectiv, wo Freitag Abend der Brand stattgefunden hat, verhaftet, und auch die Firma, die das Feuerwerk organisiert hat, wird untersucht. Auch Feuerwehr und weitere Behörden haben begonnen, die Papiere der Klubs und anderer öffentlichen Einrichtungen genauer zu untersuchen, was sehr viele Unregelmäßigkeiten ans Licht gebracht hat – sogar das Hermannstädter Bürgermeisteramt am Großen Ring hat Mangel aufgewiesen und hat Strafzettel erhalten.

Die Maßnahmen seien willkommen, sagten mehrere Protestierende auf der Straße, es sei allerdings zu spät dafür und das reiche nicht, um ein „Land wie draußen” zu haben. Auch der Rücktritt der Regierung reiche nicht aus, erwartet werde eine echte Reform.

Zur Zeit führt Staatspräsident Klaus Johannis Gespräche mit den politischen Parteien, um eine neue Regierung zusammenzustellen. Das sei einer der größten Tests für den Präsidenten, so politische Analysten, denn noch sei er eher wenig von dem Unmut der Bevölkerung betroffen – auch in seiner Ansprache nach dem Fall der Regierung hat er sich von der politischen Klasse distanziert. Dabei sei es wichtig, Zusammenhalt und nicht eine erneute Spaltung zwischen Bevölkerung und Politik zu fordern, was Diplomatie und Fingerspitzengefühl verlange, zumal er noch mit der Gunst der Bevölkerung rechnen kann, so die Analysten.

Inzwischen versucht auch die orthodoxe Kirche, ihr Image zu glätten, was recht schwierig sein könnte. Ein Rockmusiksender hat laut eigenen Aussagen ein von der Patriarchie erhaltenes Angebot zur Veranstaltung eines Rockkonzertes abgewiesen.

Als Premierminister ad interim vorgeschlagen hat Johannis gestern den Bildungsminister Sorin Câmpean.  

Ruxandra STĂNESCU

 

Foto 1: 3.000 Menschen in Hermannstadt: Privater Protest. Patriarch nicht eingeladen steht auf dem Banner. Die Demonstranten knieten und beteten vor der orthodoxen Kirche an dem Mihai Viteazul-Boulevard, um zu zeigen, dass sie nicht den Glauben an Gott sondern das Vertrauen in die Kirche verloren haben.  

 

Foto 2: Am Großen Ring wurden unzählige Kerzen in Erinnerung an die Brandopfer  angezündet. 

 

Fotos: Cynthia PINTER

 

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