Schlagabtausch in vollem Gang

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Unterschriftensammlung für Präsidentschaftskandidaten hat begonnen

 

Während landauf landab die Helfer der verschiedenen politischen Parteien und Wahlbündnissen Unterschriften sammeln für die Präsidentschaftskandidaten, findet fast täglich ein Schlagabtausch zwischen den beiden Favoriten, dem amtierenden Premierminister Victor Ponta und Hermannstadts Bürgermeister und PNL-Chef Klaus Johannis statt.

 

Obwohl Ponta z. B. ursprünglich behauptete, er werde die Etnie und die Konfession seines wichtigsten Kontrahenten nicht ins Spiel bringen, geht es nach wie vor darum, bei der mehrheitlich ortodoxen Bevölkerung Ängste zu schüren, da Johannis einer anderen Konfession angehöre. Die Wahrheit wird also oft verdreht und inzwischen versucht die Regierungskoali-
tion, auch die Spielregeln für die Präsidentschaftswahlen zu „korrigieren". So soll z. B. das Wahlgesetz dahingehend verändert werden, dass jeder Wahlberechtigte wie bei den Europawahlen in jedwelchem Wahllokal in Rumänien seine Stimme abgeben dürfen soll. Geplant ist auch eine Novellierung des Gesetzes über den Status der gewählten Bürgermeister und Kommunalräte, demzufolge diese ihr Mandat nicht abgeben müssen, wenn sie die Partei wechseln.                B. U.

 

 

Nach langwierigen Modernisierungsarbeiten wurde am Freitag die Elisabethgasse für den Kfz-Verkehr freigegeben. Bürgermeister Klaus Johannis (Bildmitte) sprach die Hoffnung aus, dass die Anwohner nun  auch dazu schreiten würden, ihre Häuser auf Hochglanz zu bringen, wie das schon in anderen modernisierten Straßen in Hermannstadts Altstadt der Fall gewesen sei.                                                                      Foto: Fred NUSS

 

Aus der Versenkung geholt

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Festival für Nostalgiker im Jungen Wald

Sibiul de odinioară” (Hermannstadt anno dazumal) hieß die erste Auflage des Festivals, das am 23. und 24. August im Jungen Wald veranstaltet wurde und das Ziel hatte, die Atmosphäre früherer Feiern und Feste im Freien wiederzugeben. Laut Organisatoren besuchten über 15.000 Zuschauer die Veranstaltung. Auf die Bühne traten am ersten Tag Sterne" früherer Zeiten wie Marina Voica, Marina Florea, Carmen Rădulescu, Carmen Trandafir und Gabriel Dorobanțu, am zweiten Festtag das Ensemble Cindrelul Junii Sibiului und seine eingeladenen Gäste.

 

„Hermannstadt hat das Festgewand angelegt. Hunderte rote Fahnen und Trikoloren flattern über den Köpfen der Werktätigen, die sich an diesem sonnigen Augustmontag in den Strassen versammeln, sich zu langen Kolonnen vereinigen und dann der alten Hauptstrasse zustreben, die diesmal viel zu eng zu sein scheint, um die tausendköpfige Menge aufzunehmen. Die Stadt, die Menschen – alles atmet Festtagsstimmung”, so beschrieb die Hermannstädter Zeitung vom 26. August 1968 die Stimmung in Hermannstadt am 23. August 1968, der damals als „Tag der Befreiung des Vaterlandes vom faschistischen Joch”, als Nationalfeiertag gefeiert wurde. „Am Nachmittag traf sich jung und alt im beliebten Ausflugsort der Hermannstädter, im Jungen Wald. Laienkunstformationen der Betriebe und Laienkünstler aus mehreren Gemeinden sorgten für beste Unterhaltung”, ist am Ende des Artikels zu lesen.

2014 gab es in der Heltauergasse keine langen Kolonnen, auf dem Hermannsplatz keine offizielle Tribüne und alles was dazu gehört, sondern es ging gleich in den Jungen Wald, wo zu Klängen von Hits der 1970-er und 1980-er Jahre für Nostalgiker eine märchenhafte Stimmung herrschte und wo Bier und mititei wieder einmal eine Hauptrolle im Leben der Anwesenden einnahmen.

Tagsüber gab es die Möglichkeit, kostenlos Fahrräder zu leien, die alten VW-Käfer zu bewundern oder ehemals beliebte Spiele zu spielen. Einen Markt mit traditionellen Produkten gab es ebenfalls. Eine bedeutende Menschenmenge versammelte sich vor allem nachmittags,  um wieder einmal bekannte rumänische Hits wie „Și afară plouă, plouă” mit Marina Voica, „Stele perechi" mit Marina Florea oder „Așa ești tu“ mit Carmen Trandafir und viele andere zu hören. „Ich hätte nicht geglaubt, dass es heutzutage möglich, ist eine solche Show zu machen, mit Kollegen aus meiner Generation. Dass Sie hier sind zeigt uns, dass Sie uns nicht vergessen haben und uns immer noch lieben”, schwärmte Carmen Rădulescu vor dem zahlreichen Publikum.

 Ein Ziel der Veranstalter Media International Plus und Ora de Sibiu war u. a. mittels des Festivals die „goldene Generation der rumänischen Musik“ aus der Versenkung zu holen. Fragt sich, warum denn gerade am 23. August. Denn schon seit 1990 ist der 23. August von dem 1. Dezember als Nationalfeiertag abgelöst worden. Aber das ist wohl Nostalgikern egal.

                              Werner FINK

 

Foto oben: „Sibiul de odinioară" heißt das neue Festival im Veranstaltungskalender Hermannstadts, das erstmals am 23. und 24. August im Jungen Wald ausgetragen wurde. Mehr dazu lesen Sie auf Seite 3. Unser Bild: Zu den Hauptakteuren gehörte die beliebte Sängerin Marina Voica.    Foto: Werner FINK

Foto unten: Bei einem Festival im Freien können die traditionellen Hackfleischwürstchen, die mititei oder mici genannt, nicht fehlen.

ProEtnica in Schäßburg

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Minderheitenfestival hat zum 12. Mal stattgefunden

Das Festival ProEtnica, das den nationalen Minderheiten in Rumänien gewidmet ist, ist nicht nur eines der schönsten Festivals, das in Schäßburg stattfindet, es ist eines der schönsten im ganzen Land. An vier Tagen am vergangenen Wochenende stellten die Vertreter der verschiedenen nationalen Minderheiten ihre Traditionen, ihre Tänze und ihre Sprache vor, zur Begeisterung der in- und ausländischen Touristen.

 

Das Zentrum Schäßburgs war am Wochenende so bunt wie selten, denn zum normalen Touristengewimmel gesellten sich diesmal auch die Minderheiten aus Rumänien. Während auf dem Burgplatz die Bühne einen Teil der Zuschauer lockte, ließen sich viele Besucher die Chance nicht entgehen, die verschiedenen Stände der Minderheiten zu besuchen. Dort konnte man mit Vertretern der Minderheiten erzählen, denn gerne stellten sie sich vor, dazu auch ihre Trachten und verschiedene Kultobjekte. Wie im Vorjahr, konnte man z.  B. aber auch verschiedene Bücher kaufen, gesucht waren natürlich insbesondere die Kochbücher. Dazu waren auch Handwerkerstände auf dem Museumsplatz eingerichtet, wo verschiedene Künstler ihre Werke zur Schau stellten. Unter ihnen ein rumänischer Handwerker, der geschnitzte Holzlöffel verkaufte, und zu jedem gab es auch die passende Geschichte, denn die verschiedenen Modelle hatten ihre ganz bestimmten Bedeutungen.

Wie jedes Jahr gab es im Laufe des Festivals auch mehrere Symposien im Rathaus. Zwei davon wurden von der Föderation der jüdischen Gemeinden  gestaltet. Gesprochen wurde diesmal nicht nur über „Jüdische Traditionen und Bräuche”, sondern auch über den „Jüdischen Humor in Rumänien”. Seitens der Rumänischen Akademie sprachen Prof. Emilian Dobrescu und PhD. Edith Mihaela Dobre über den „Beitrag der nationalen Minderheiten zur wirtschaftlichen Entwicklung Rumäniens”.

In der Synagoge wurden jeden Abend Filme des rumänischen Regisseurs Radu Gabrea gezeigt, u. a. „Der geköpfte Hahn”, „Grubers Reise”, „Juden zu verkaufen” und „Romany! Romany!”.

Angelockt wurden die meisten Zuschauer von den Vorstellungen auf der Bühne. Gelassen wurde nicht nur auf der Bühne getanzt, denn die meisten Minderheiten tanzten zusammen mit den Schäßburgern und Touristen. Einige lernten begeistert die Schritte und übten sie auch beim Einkaufen ein, denn rund um den Platz gab es jede Menge Stände mit Kleinigkeiten für Groß und Klein, von Handgemachtem bis chinesischem Kitsch war alles dabei. Sehr in war offensichtlich der Haarschmuck für Mädchen und Frauen, Tausende von kleinen Plastik- und Stoffrosen wurden zum Teil an Ort und Stelle  in Kränze geflochten.

Dazu gab es auch verschiedene Leckereien, süß oder gesalzen, jede Menge Bilder und Ansichtskarten von Schäßburg und so recht alles, was ein Touristenherz begehrt.

Organisiert wurde das Festival auch dieses Jahr vom Interethnischen Jugendbildungszentrum Schäßburg, mit Unterstützung der Stadt Schäßburg. Finanziert wurde ProEtnica von dem Kuturministerium und vom Departement für interethnische Beziehungen der rumänischen Regierung. 

ProEtnica wurde dieses Jahr zum 12. Mal organisiert. Bilder von früheren Auflagen findet man unter www.proetnica.ro

 Ruxandra STĂNESCU

 

Ansteckende Sangesfreude brachten die Mitglieder der Singgruppe Katiușa" der Gemeinschaft der Lipowener Russen aus Fălticeni/Kreis Suceava auf die Bühne auf dem Burgplatz in Schäßburg, wobei eine der Sängerinnen besonders Freude ausstrahlte und sogar tanzte. (Bild oben)

 

Die mazedonische Minderheit sorgte für Gesang (Bild Mitte) und Tanz. Dabei wurde nicht nur auf der Bühne getanzt, sondern auch auf dem Platz, und spontan ließ sich das Publikum mitreißen. Nach wenigen Takten konnten die meisten auch die Schritte (Bild unten).           Fotos: Ruxandra STẰNESCU

 

„Er war für mich ein Morgenstern”

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Fred Nuss erinnert sich an Begegnungen mit Edmund Höfer (1933-2014)

 

Der am 27. März 1933 in Lugosch geborene Presse- und Kunstfotograf Edmund Höfer verstarb am 19. August 2014 in München. Er war 30 Jahre lang bis zu seiner Aussiedlung nach Deutschland 1988 Fotoreporter bei der Bukarester Tageszeitung Neuer Weg. Desgleichen wurden in den 1980-er Jahren Umschläge von im Kriterion Verlag Bukarest herausgegebenen Büchern der Autoren Herta Müller, Richard Wagner oder William Totok mit seinen Bildern gestaltet. Die Goldmedaille, die Höfer Mitte der 1960-er Jahre bei einem internationalen Fotowettbewerb in Wien erhielt, war die erste Goldmedaille für einen Fotografen aus Rumänien. In Hermannstadt waren zuletzt Bilder des Verstorbenen in der Ausstellung Jüdisches Leben in Rumänien" 2005 im Teutsch-Haus zu sehen.

 

 

1968, ca. zwei Wochen nachdem die erste Ausgabe der Hermannstädter Zeitung erschienen war, sei Edmund Höfer nach Hermannstadt gekommen, um Aufnahmen zu machen in der Redaktion, im Auftrag der Tageszeitung Neuer Weg, erinnert sich der Hermannstädter Fotoreporter Fred Nuss. Die HZ-Redaktion befand sich damals im Gebäude der Bodenkreditanstalt (heute Rathaus) am Großen Ring, im Innenhof war das Fotolabor, das sich Fred Nuss und Horst Buchfelner teilten. Als er Edmund Höfer im Labor empfing, fand Nuss, er sei etwas kurz angebunden und hochnäsig. „Aber nachdem ich seine ersten Aufnahmen gesehen hatte, empfand ich nur noch Respekt für ihn, vor allem für seine Schnappschüsse", erzählt Nuss.

Höfer kam dann jeweils mindestens einmal im Monat nach Hermannstadt, um Auftragsbilder für den Neuen Weg zu machen, vor allem aus der Industrie. Weil er sich in Hermannstadt nicht so gut auskannte, bat er immer Fred Nuss, ihn zu begleiten. Dieser erinnert sich: „Im Stillen muss ich zugeben, dass ich ihm gerne auf die Hände geschaut habe. Ich habe versucht, herauszubekommen, wie er das Bild in seinem Kopf sieht, bevor er auf den Auslöser drückt. Zugegeben: Er war für mich ein Morgenstern. Besonders schätzte ich seine dynamische Art, zu fotografieren, seine Menschenkenntnis, seine Fähigkeit, mit wenig Licht auszukommen. Er war für mich ein Vorbild." Schließlich kamen sich die beiden Fotografen auch menschlich näher, Höfer war oft zu Gast bei Familie Nuss und Fred Nuss sagt, er sei der „glücklichste Mensch gewesen", da er mit einem der größten Fotografen Freund sein durfte.

Ein Erlebnis mit Höfer holt Fred Nuss aus dem „Nähkästchen" hervor, um dessen Wendigkeit hervorzustreichen: „Es war ein strenger, eisiger Winter und Mundi, so nannten die Freunde Edmund Höfer, hatte den Auftrag bekommen, ein Bild von den Hartenecktürmen zu machen. Ich war sehr neugierig, wie er das an dem nebligen Tag schaffen würde und ging mit. Vor dem alten Zinshaus blieb er neben einem Holzmast stehen und klopfte an ein Fenster. Als eine ältere Dame öffnete, fragte er sie, ob sie Enkel hätte. Als sie bejahte, fragte er nach einem Stück weißer Kreide. Dies bekam er auch und zeichnete damit ein Strichmännlein auf den mit Öl gestrichenen Mast. Er sah sich um und entdeckte einige Jungen, die im Schnee spielten, rief einen herzu, gab ihm die Kreide und sagte, er solle sich so neben den Mast stellen, als ob er das Männlein gezeichnet habe und stolz darauf sei. Der Junge diente als Vordergrund und Mundi hatte auch den Töpferturm ins Visier genommen. Mundi machte auch einige Fotos mit dem Mast im Vordergrund. Ich durfte den Film im Labor entwickeln und war verblüfft, wie gut die Atmosphäre eingefangen worden war. Eines der Bilder ohne Jungen wurde dann in dem Bildband 'Sibiu' abgedruckt, der 1968 im Meridiane Verlag erschienen ist, mit einem Text von Paul Schuster."

Beeindruckt war Nuss aber vor allem von den 80 großformatigen Porträts, die Höfer zu Beginn der 1970-er Jahre im Alten Rathaus in Hermannstadt ausgestellt hatte. „Die Dramatik dieser Porträts hat dermaßen auf mich gewirkt, dass ich mir wünschte, einmal auch so eine Ausstellung zu machen", gibt Nuss heute zu.

Nuss meinte im Stillen auch, dass die guten Fotos seines Bukarester Kollegen auf die gute Ausstattung und die guten Filme zurückzuführen seien, die dieser zur Verfügung hatte. Ein weiteres Erlebnis sollte ihn eines Besseren belehren.

Höfer kam eines Tages zu ihm und sagte, er habe einen dringenden Auftrag bekommen, in der Virola-Fabrik einige Fotos zu machen, und in der Eile seine Kamera in Bukarest vergessen. Nuss gab ihm eine alte 6×6-Flexaret und wünschte ihm Glück. Nach einer Stunde kehrte Höfer ins Labor zurück und Nuss staunte, nachdem er die Filme entwickelt und einige Aufnahmen vergrößert hatte: Höfer hatte einen Schweißer fotografiert, der an einem großen Rohr arbeitete, das Bild wurde, so Nuss, berühmt und auch preisgekrönt.

An diesem Tag habe er sich geschworen, sagt Nuss, nie mehr nachzufragen, mit welcher Kamera denn ein Bild entstanden sei. Er habe gelernt: „Der Apparat soll gut sein, aber der Fotograf muss besser sein."

Edmund Höfer hat dies auch in einem Herta Drozdik-Drexler gewährten Interview bestätigt. Auf die Frage „Ist, wer die bessere technische Ausrüstung hat, auch schon der bessere Fotograf?" antwortete er: „Es kommt nicht nur auf die Kamera an. Natürlich spielt die Qualität der Ausrüstung eine Rolle. Mit Hermann Heels Leica zu fotografieren war für mich schon ein besonderes Gefühl. Ich konnte damit bessere Bilder machen, als mit einem gewöhnlichen Apparat. Vom heutigen Stand der Technik gar nicht zu reden. Aber man muß mit dieser Technik auch umgehen können. Das allein genügt jedoch noch nicht. Die Allgemeinbildung spielt eine Rolle. Noch wichtiger ist Kunstverständnis. Man muß sich für Kunst interessieren, für Bildhauerei, Malerei, Musik, man muß die Kunstszene kennen, muß auf dem laufenden sein mit den Entwicklungen in der Kunst. Man braucht ein Gespür für gute Schnappschüsse, die man oft gewissermaßen voraussehen kann. Sinn für Humor kann nicht schaden. Man muß Einfälle haben, Phantasie. Und wohl auch das, was man Talent nennt und von Mutter Natur geschenkt bekommt."

Möge er in Frieden ruhen!

Beatrice UNGAR

Das von Fred Nuss erwähnte Bild mit Strichmännlein und Töpferturm im verschneiten Hermannstadt (Bild links) findet man in dem Bildband Sibiu", der 1968 im Bukarester Meridiane Verlag mit einem rumänischen Text von Paul Schuster erschienen ist (Bild rechts).